Gedanken in der 3. Woche. Teil 1: Schützenswerte Alte, die sich nicht schützen lassen wollen

Erinnert Ihr Euch noch an die ersten Tage dieses Jahres? Als der größte Aufreger ein Kinderlied war, das vermeintlich eine ganze Generation 55 – 120jähriger Frauen beschimpfte, insbesondere die, die im Krieg ihre Kinder allein großgezogen und gleichzeitig ebenfalls allein Deutschland wieder aufgebaut haben? Ich will die Diskussion hier nicht wiederholen, Ihr erinnert Euch, ich bin mir sicher.

Ich will eher auf eins hinweisen: Merkt Ihr, wie jetzt nach und nach real passiert, was damals falsch verstandene Satire war? Immer mehr Menschen schimpfen auf ihre Eltern/Großeltern/Nachbarn ab einem gewissen Alter, weil sie noch selber einkaufen gehen – und dass, wo man doch nur um sie zu schützen nicht mehr arbeiten und feiern darf. Wenn man Verständnis zeigt, wird man quasi als Mörder oder zumindest als leichtsinnig dargestellt – das ist mir bereits mehrfach passiert.

Ich gebe zu: am Anfang hab ich mich auch ausgeheult bei meiner Freundin. Weil meine Mutter selbst einkaufen gehen wollte, weil mein Vater fand, es stehe ihm zu, selbst in die Apotheke zu gehen, weil, weil, weil…

Nun sind sie brav. Aber meine Einstellung hat sich deutlich geändert:

Meine Eltern sind 89 und haben 4 Kinder und 10 Enkel. Diese melden sich mehr oder weniger regelmäßig telefonisch oder schreiben Karten, und sonntags abends spielen wir gemeinsam mit der Oma Schreibspiele über Skype. Ich, die ich im Haus wohne, trinke jeden Morgen eine Tasse Kaffee mit ihnen und bete mit ihnen in Hausgottesdiensten – eine strickte Trennung wäre eh nicht möglich. Dafür macht mein Mann die Außenkontakte, und ich verlasse das Haus nur noch zum Walken/Spazieren/Radeln. Es geht einigermaßen gut, meine Eltern wissen sich allerdings im Zweifamilienhaus mit Garten auch auf der Sonnenseite der Senioren.

Sie begreifen langsam, und das führte auch zu anfänglichen Streitigkeiten, dass sie ihre Freunde, ihre Geschwister, ihre Enkel und einen Teil ihrer Kinder und Schwiegerkinder möglicherweise nie mehr real treffen werden, und dass macht mürbe. Man kann sich das schön reden, man kann resignieren. Wenn man gut aufgefangen ist, so wie bei uns, ist das vielleicht sogar noch einigermaßen ertragbar. Aber wer hat schon so einen Luxus? Viele leben in Wohnungen, teils ohne Balkon. Viele haben keine Kinder oder Enkel, die sich ständig melden. Viele sind schlicht und ergreifend alleine oder zu zweit einsam. Und was ist die Perspektive? Wann sehen Sie ihre Freunde, Nachbarn, Verwandten wieder?
Wenn ich, Mitte/Ende 50, darüber nachdenke, was ich nachher tun werde, so ist das relativ sicher, dass, sollte ich nicht an Corona sterben, es für mich ein nachher geben wird (ich kann natürlich auch morgen überfahren werden, ich weiß…). Meine Eltern erleben vielleicht das letzte Frühjahr, den letzten Sommer, quasi eingesperrt, wenn auch in den eigenen vier Wänden. Andere erleben es in der engen Wohnung. Kann man da wirklich sagen: sie kapieren es nicht, wenn sie doch noch das Haus verlassen, um wenigstens ab und zu mal einen realen Menschen zu sehen? Ich finde: Nein. Es sind erwachsene Menschen, im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, und wir bevormunden sie und sperren sie ein, ohne Hoffnung auf Besserung, ohne Perspektive. Auch ich musste das erst mühsam lernen, dass wir uns als Gefängniswärter aufspielen aus ihrer Sicht…

Mein Vorschlag: bevor man sich das nächste Mal aufregt über „die Alten, die es nicht kapieren“: redet mit ihnen. Hört Euch an, was sie zu sagen haben. Und habt Verständnis. Vielleicht reicht es ja bereits, täglich zu telefonieren. Oder beim Überbringen der Einkäufe am Zaun stehen zu bleiben und in gebührender Entfernung ein wenig zu plaudern. Wichtig ist: nicht schimpfen, sondern verstehen. Dann wird das Miteinander sicher auch wieder ein besseres werden.  

Gedanken zu den Kar- und Ostertagen: Palmsonntag

Jesus zieht in Jerusalem ein. Menschenmengen jubeln im zu, Hosianna, legen ihm Palmwedel und Kleider zu Füßen – quasi als roten Teppich. Jedes Jahr am Palmsonntag feiern wir das. Wir singen Hosianna dem König Davids und jubeln, so, wie die Menge damals vielleicht. Wir wissen, wie es weitergeht – aber im Jubelgeschrei geht alles unter. Jesus zieht ein wie ein König in die Stadt, in der er den Tod eines Verbrechers sterben wird – ist es die gleiche Menge, die ihm heute zujubelt und später seine Kreuzigung fordern wird? Egal, heute ist Palmsonntag, und der König zieht ein in seine Stadt, triumphal, wie es sich für einen König gehört. Wobei – ein König reitet auf einem Pferd, auf einem Schlachtross. Jesus dagegen auf einer Eselin mit Füllen – man mag fast meinen, eher die Karikatur eines Königs – er ist kein König des Schlachtfeldes, er ist ein König des Friedens. So weit, so altbekannt, so alljährlich gefeiert, von Menschenmengen verteilt über den ganzen Erdkreis.

Nur: dieses Jahr ist es anders. Angefangen mit dem Vatikan wird es wohl in den wenigsten Pfarreien dieser Erde Palmprozessionen geben, werden wohl in den wenigsten Pfarreien dieser Erde Menschen gemeinsam Palmsonntag feiern: Corona hat uns fest im Griff, sozialdistancing heißt das neue Wort, dass wir alle schmerzhaft lernen müssen. Die einen früher, die einen später: Versammlungen sind rund um die Welt nicht mehr vereinend im Glauben, sondern möglicherweise tödlich. Kann man jetzt überhaupt Palmsonntag feiern, kann man die Kar- und Ostertage überhaupt feiern?

Ich meine: ja. Für mich steht Palmsonntag immer schon für das Wechselbad der Gefühle, durch das wir Menschen gehen und Jesus, ganz Mensch, eben auch: mal hoch gefeiert, mal tief gefallen und verachtet, mal über alles triumphierend.

Hier zieht einer ein, hier wird einer gefeiert, der genau das weiß: er weiß, wie es weitergehen wird, er weiß, dass diese Feierei vorübergehend ist, ein Hoch, dass auf tönernen Füßen steht. Er weiß aber auch, dass auch das schreckliche vorbeigehen wird, dass alles endlich ist.

Wir können nicht gemeinsam seinen Einzug nach Jerusalem feiern – das schmerzt. Aber das hilft vielleicht auch, sich daran zu erinnern, genau hinzusehen: mehr Schein als Sein, beabsichtigt bereits durch die Wahl des Esels. Es hilft, darüber nachzudenken, was Palmsonntag eigentlich bedeutet, jenseits aller Feierlichkeiten und Hosiannarufe. In der katholischen Liturgie wird am Palmsonntag zum ersten Mal die Passion gelesen. Damit wir nicht beim oberflächlichen Hosianna stehen bleiben. Ich meine: In einer Zeit, wo wir nicht real zusammenkommen können, können wir uns vielleicht sogar intensiver zusammenfinden: in dem wir getrennt, aber doch gemeinsam beten, in dem wir getrennt aber doch in der Gemeinschaft vereint den Palmsonntag feiern, in dem wir vielleicht anders aufeinander zugehen als sonst: bedingt durch die Trennung viel intensiver, viel offener, in Telefonaten, in Briefen, in dem wir die Möglichkeiten nutzen, die uns bleiben. Sorgen wir gerade heute für Gemeinschaft mit denen, die es brauchen. Dann ist bleibt unser Hosianna nicht oberfllächlich, dann feiern wir tatsächlich den, der da kommt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch allen einen gesegneten Palmsonntag.

Flüchtende an Europas Außengrenzen – Weltfrauentag 2020

Weltfrauentag. Eigentlich ein Anlass, über Gleichberechtigung in Kirche und Gesellschaft zu schreiben, hier und überall auf der Welt. Da liegt noch viel im Argen, auch bei uns, wenn man z.B. weiß, dass in Deutschland jeden 3. Tag eine Frau ermordet wird, weil sie ihren Partner verlassen hat. Die Ideologie, die da hinter steckt, ist immer noch die Gleiche: die Frau ist dem Mann untertan – und wenn sie es nicht ist, nun, dann muss das Konsequenzen haben. Auch die Kleinigkeiten, wenn z.B. bei „wichtigen“ Fragen eher dem Mann als der Frau Kompetenz zugesprochen wird, dass die Bezahlung immer noch nicht überall gleich ist, dass die sogenannten Frauenberufe, insbesondere die Pflegenden und Erziehenden, deutlich schlechter bezahlt sind als andere, obwohl sie doch die Verantwortung für uns Menschen als Menschen haben – geschenkt.

Ich bin in relativ emanzipatorischer Atmosphäre groß geworden, in einer traditionellen Familie, in der die Mutter für ihre Töchter genau das nicht wollte: dass sie zwangsläufig in traditionellen Strukturen landen.  Mein Vater sagte zwar durchaus so Dinge wie: wenn eine Frau nicht Brotschneiden kann, kann sie nicht heiraten (deshalb beherrsche ich diese Kunst bis heute nicht), aber abgesehen von solchen Sprüchen hat er uns Geschwister immer gleichbehandelt, unabhängig vom Geschlecht. In einer echten emanzipierten Gesellschaft wäre mein Leben zwar anders verlaufen, erst recht in einer emanzipierten Kirche. Aber ich war und bin mir immer bewusst: ich bin trotz allem privilegiert. Ich habe eine ausgezeichnete Schulbildung genossen, habe studieren dürfen, und ich hatte das Glück, meine Kinder immer entweder gut versorgen zu können oder aber gut versorgt zu wissen.

Und genau das ist hier und heute mein Problem. Vor ein paar Tagen gab es auf RTL ein Interview mit einer jungen Frau, 19 Jahre alt, die an der türkisch-griechischen Grenze mit ihren Kindern, 7 und 4 Jahre alt, ausharrt, um in die EU zu kommen. Sie möchte, wie sie in durchaus verständlichem Englisch erzählte, gerne hier die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zu machen, vielleicht zu studieren.
Die Kommentare, die von deutschen Männern und Frauen, ja, auch Frauen, dazu abgegeben wurden, waren entlarvend: Selbst schuld, wer mit 19 schon 2 Kinder hat, will nur in die soziale Hängematte, sie kann offensichtlich nix außer Kinder kriegen, ist sicher strohdumm, wahrscheinlich hat sie noch nie eine Schule von innen gesehen, die will nur schmarotzen.

Und mir wurde mal wieder klar: bei allem Leid der Welt sind neben den Kindern die Frauen, die am meisten leiden müssen – sie sind aber zusätzlich die, die am meisten Häme ertragen müssen. Kann irgendeiner von den Kommentatoren auch nur erahnen, in welcher Lage diese Frau ist? Glaubt wirklich irgendjemand, dass sie an ihrem Schicksal selber schuld ist? Dass sie mit 12 bewusst das erste Kind bekommen hat, um nicht arbeiten zu müssen? Dass sie mit 2 Kindern diese erbärmliche Flucht auf sich genommen hat, weil sie sich in die soziale Hängematte legen will? Und dass jemand, der strohdumm ist, Englisch lernen kann?

Was geht da vor? Was geht in Menschen vor, die hier in Deutschland aufgewachsen sind, hier leben, von denen man eigentlich glauben müsste, dass sie die abendländischen Werte, die wir ja immer so gern verteidigt haben, mit der Muttermilch aufgesogen haben?

Mich wundert nicht, dass unsere Werte nichts mehr gelten. Sicher würde keiner sagen: ich bin für die Abschaffung der Menschenwürde. Aber es scheint doch so zu sein, dass jeder entscheiden will, für wen sie gilt – für solche Frauen schon mal nicht.

Die neuen deutschen Werte scheinen zu sein: Deutschland und die (richtigen) Deutschen zu erst, Abschottung gegenüber allem nichtdeutschen, Augen und Ohren verschließen vor dem Elend der Welt. Und den Mund nur aufreißen gegenüber denen, die noch Mitleid und Menschlichkeit verspüren. Und wenn einem da nix sachliches mehr einfällt – nun, dann kann man die „Gutmenschen“ ja beschimpfen, zum Arzt schicken, einen guten Zahnarzt empfehlen…

Das sind die Momente, wo es mich gruselt. Die Momente, in denen ich mich frage, was ich tun kann, außer schreiben, außer laut werden, außer auf die Straße gehen. Aber das sind auch die Momente wo ich weiß, dass ich das tun muss: schreiben, reden, laut werden. Und beten. Beten, dass wenigstens die Politiker endlich zur Einsicht kommen, dass wir den Menschen helfen müssen. Dass sie nichts dafürkönnen, diese Frauen, und diese Kinder. Und dass sie ein Recht haben auf Zukunft, so wie jeder andere Mensch auf dieser Erde auch. Wir sind ein reiches Land. Wir gründeten uns einmal auf Werte. Ich bete, dass wir uns darauf besinnen. Ich bete, dass unsere Werte nicht mit den Toten im Mittelmeer ersaufen.

Das Boot ist noch lange nicht voll

Nach meinen Gedanken zu Europa komme ich jetzt näher. Deutschland. Ein Land, in dessen Verfassung, dem Grundgesetz, an aller erster Stelle steht: die Würde des Menschen ist unantastbar.

Was Mut macht: viele Städte und Gemeinden, Landkreise und Bundesländer und auch Kirchengemeinden sind bereit, Menschen aus den griechischen Lagern aufzunehmen. Sie haben Kapazitäten und Möglichkeiten, sie sagen genau, was sie leisten können. Das würde die Lage vor Ort deutlich entschärfen, und insbesondere unbegleitete Kinder und Familien mit Kindern bekämen Zugang zu einer menschenwürdigen Unterkunft, Nahrung, Hygiene, ärztlicher Versorgung und einem geordneten Verfahren, dass über ein Asyl- und/oder Bleiberecht entscheiden würde. Diese Bereitschaft lässt mich hoffen, dass wir doch noch nicht so tief gesunken sind, wie es erscheint.

Auf der anderen Seite steht die Politik, vor allem die Politiker mit dem „C“ im Namen ihrer Partei. Sie verhindern, dass diese Menschen hierherkommen können, indem sie so Sprüche klopfen wie: „nur im Rahmen aller/oder zumindest mehrerer Europäischer Staaten“, „ein Alleingang wäre fatal“, „wir können keinen aufnehmen, wir haben keinen Platz“, „jeder Flüchtling mehr bringt eine Stimme mehr für die AfD“ und vieles mehr, was in meinen Ohren teilweise so menschenverachtend klingt, dass ich es gar nicht aufführen möchte. Lindner spricht von „Kontrollverlust“ und Friedrich Merz sagt den Flüchtlingen direkt ins Gesicht, dass wir sie hier nicht haben wollen. Ursula von der Leyen (ok, die ist nun wieder Europa) lobt Griechenland – das Land, was gerade völkerrechtswidrig das Asylrecht außer Kraft gesetzt hat und Menschen, die bereits in Griechenland angekommen sind, zurückschickt – gegen jede Regelungen der Europäischen Union, gegen die Menschenrechte.

Und alle sind sich einig: kein zweites 2015. Nun, dass will niemand. Aber damit es nicht dazu kommt, muss man jetzt (und hätte man schon vor Monaten und Jahren) die kontrollierte Einreise ermöglichen, und ja, wenn‘s nicht anders geht, im Alleingang. Es gäbe keinen Kontrollverlust wie 2015: wir wüssten ja, wer kommt, wir würden die Menschen ja quasi kontrolliert einfliegen. Wir wissen nun auch wie’s geht – 2015 war da ein gutes Übungsjahr. Viele, die damals gekommen sind, sind inzwischen durch ein Anerkennungsverfahren gegangen, haben Deutsch gelernt und sind in Arbeit oder Ausbildung. Die Kinder gehen zur Schule – bei den meisten läuft es. Und wir haben Kapazitäten – es wurden damals ja gar nicht so viele wie befürchtet. Die Aufnahmewilligen haben ja geprüft, was sie leisten können. Und keiner will, dass alle Flüchtlinge dieser Welt nach Deutschland kommen. Und die meisten wollen auch nicht, dass auch die, die kein Bleiberecht haben, bleiben.

Aber: wir hätten die Möglichkeit den Menschen zu helfen. Wir nennen unsere Tradition und unsere Werte christlich: das, was da jetzt abgeht, dieser Grenzkrieg gegen die Ärmsten der Armen, neues Geld an Herrn Erdogan bis zur nächsten Erpressung, das ist nicht mehr christlich und auch nicht human. Das ist menschenverachtend.

Denken wir immer daran: es geht nicht um Verhandlungsmasse. Es geht um Menschen, die nach unserer Verfassung alle die gleiche Würde haben. Diese Würde wird an den EU-Außengrenzen mit unserem Geld, unserer Zustimmung und demnächst möglichweise mit unseren Soldaten mit Füßen getreten. Warum? Kapazitätsgründe können es, wie aufgeführt, nicht sein. Am Geld kanns auch nicht liegen, wenn unsere Regierung bereit ist, der Türkei noch einmal welches zu geben.

Am Erstarken der AfD? Nun, wenn wir jetzt nicht handeln, hat sie gewonnen. Dann ist Deutschland wieder ganz unten angekommen, so wie schon einmal vor fast 100 Jahren.

Daher gibt es nur eins: gehen wir auf die Straßen, machen wir Druck, damit unsere Politiker so handeln, wie es unseren Werten entspricht, egal ob christlich oder humanistisch: jetzt zeigt sich, wer Rückgrat hat, die Geschichte kennt und die Menschenrechte und unser Grundgesetz schützen will.

Quo Vadis, Europa?

An der Außengrenze Europas sterben Menschen. Schon länger übrigens, nicht erst seit gerade. Nunmehr auch an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland, nicht mehr nur im Mittelmeer.
Menschen, die als Bedrohung angesehen werden, als Welle, die uns überkommt, als Überschwemmung – und europäische Soldaten schießen. Mindestens mit Tränengras…

Was sind das für Menschen? Es sind Menschen, die aus den verschiedensten Gründen nicht in ihrer Heimat bleiben konnten – wegen Krieg, weil sie in die verschiedenen Armeen gezwungen werden sollten, weil sie unterdrückt werden, weil sie einfach Angst um ihr Leben haben. Sie fliehen, weil sie keine Zukunft mehr sehen für sich und ihre Kinder. Vom afrikanischen Kontinent fliehen viele, weil da die Folgen des Klimawandels bereits real sind und ganze Landstriche veröden.
Einige von ihnen haben es in die Türkei geschafft und dort bisher irgendwie überlebt – oft ohne ein Recht auf Arbeit, ohne Bildung, ohne menschenwürdige Unterkunft, ohne Zugang zu ausreichend Lebensmitteln, Hygiene, ärztlicher Versorgung. Dafür hat die Türkei Geld kassiert von der EU. Nun war es Erdogan nicht genug Geld, angeblich ist auch nicht alles gezahlt worden, jedenfalls hat der Herr Erdogan nun beschlossen, die Menschen Richtung Griechenland, Richtung EU zu schicken. Sie sind Erpressungsmittel, Verfügungsmasse für ihn.

Wer jetzt sagt, dass kommt völlig überraschend, der hat jahrelang die Augen verschlossen. Vor der Realität.

Und nun: Was passiert? Militär marschiert auf um die Flüchtlinge zurückzudrängen, man schießt mit Tränengas auf unbewaffnete Menschen, Männer, Frauen und Kinder. Auf dem Mittelmeer drängt die Küstenwache die Flüchtlinge mit Booten zurück und an den Küsten warten rechte Schläger und hindern die Menschen am Anlanden. Wen sie auf dem Weg dorthin so treffen, den verprügeln sie, wenn er irgendwie verdächtig aussieht, also möglicherweise einer NGO angehört, Journalist ist oder gar Flüchtling. Griechenland. Die Wiege der Demokratie, die Wiege unserer Zivilisation.

Und was sagt das restliche „christliche Abendland“? Wir dürfen Griechenland nicht im Stich lassen – so weit, so einverstanden. Bei den Verantwortlichen heißt das aber: Militär schicken, um beim Grenzschutz zu unterstützen. Schießen da demnächst auch deutsche Soldaten auf Flüchtlinge? Dann hätte Frau von Storch ja das, was sie sich schon vor Jahren gewünscht hat…

Herr Merz (ein richtig reicher Steuersparer, dem die Hartz IV Sätze zu hoch sind, der in den CumEx Skandal verwickelt ist und außerdem, und daraus zieht er seine Legimitation, CDU-Vorsitzender werden möchte) sagt ihn Richtung Flüchtlinge: bleibt wo ihr seid, wir haben keinen Platz für Euch. Erinnert mich fatal an die CDU der 80er Jahre: das Boot ist voll schrien sie damals…

Griechenland setzt das Asylrecht aus, der Aufschrei bleibt aus – Menschenrechte gelten nichts mehr in Europa, wenn man seine Privilegien und seinen Reichtum schützen will…

Griechenland hätte schon lange Hilfe gebraucht: Hilfe bei der Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge, durch Hilfe vor Ort und Verteilung der Menschen auf alle Länder der EU. Um Weihnachten ging das Elend der unbegleiteten Kinder durch die Presse. In Deutschland gab es jede Menge aufnahmewillige Städte – aber nein, sie durften nicht. Auch jetzt gibt es wieder Städte, die sich anbieten, eine Anzahl der Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, weisen nach, dass sie die Kapazitäten haben: die „christ“Demokraten interessiert es nicht.

Europa muss sich schnellstens überlegen, was Europa ausmacht. Bisher gehörte die Einhaltung der Menschenrechte dazu. Diese werden nun mit den Füßen getreten. Wie soll das weitergehen? Es werden immer mehr Menschen fliehen müssen – und es werden auch immer wieder Menschen nach Europa kommen wollen. Vor 80 Jahren hat man die Juden nicht haben wollen und zugesehen, wie sie starben. Dann waren es die Boat-People – jetzt sind es die Flüchtlinge an der Grenze.

Ich wünsche mir ein Europa, dass eine Verantwortung für die Menschheit wahrnimmt, das tätig wird, dass erkennt, dass es nicht um „Wellen“ geht sondern um einzelne Menschen. Die alle das gleiche Lebensrecht haben wie wir, denen man es aber nicht mehr zugesteht…

Erinnerungskultur in Deutschland

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz werden die Stimmen lauter, die meinen, es wäre jetzt mal gut mit der Erinnerung. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz werden Stimmen lauter, die sich rassistisch und antisemitisch äußern – und darauf verweisen, man könne ja die Öfen wieder entzünden. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sagen die einen, man müsse auch mal vergessen dürfen – die anderen lachen über den Holocaust, zerstören jüdische Friedhöfe, planen Anschläge auf Synagogen und führen sie auch aus. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist nicht alles längst vorbei, im Gegenteil, es kriecht aus allen Löchern. Noch gibt es viele Stimmen, die meinen, man könne das am besten ignorieren und totschweigen – nun, das hat man in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts auch versucht, hier bei uns in Deutschland. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz glauben „christliche“ Politiker, man könne mit Faschisten zusammenarbeiten, sie in die Politik einbinden, dann wäre als nur halb so schlimm. Auch das nichts neues in Deutschland, leider.

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wehren sich viele gegen den angeblichen „Schuldkomplex der Deutschen“, glauben, der Holocaust und die Grauen der Nazizeit habe mit ihnen und ihrer Biographie nichts zu tun. Nicht alle, die so denken, sind Antisemiten, Rassisten und Faschisten. Aber alle, die so denken, vergessen folgendes:
Wir werden nicht im luftleeren Raum geboren. Wir haben Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, und es ist längst erwiesen, dass Familiengeheimnisse und Traumata auch dann an die Nachkommen weitergegeben werden, wenn nie darüber gesprochen wurde. Das zeigt: wer Eltern, Großeltern, Urgroßeltern hat(te), die in der Nazizeit in Deutschland und allen anderen betroffenen Ländern gelebt haben, dessen Vorfahren waren irgendwie in den Holocaust verwickelt: im schlimmsten Fall als Täter, im besten Fall im Widerstand, wahrscheinlich aber als Mitläufer, Ignoranten oder die, die angeblich nichts gewusst haben, als Opfer, Nutznießer oder auch Kollateralschäden. Wir kommen in unserer Biographie als Deutsche, deren Vorfahren auch aus Deutschland und den entsprechenden „deutschen“ Gebieten kommen, an der Nazizeit mit all dem Üblen nicht vorbei. Sind wir deswegen schuldig? Sicher nicht. Das sagt auch keiner. Aber wir könnten schuldig werden, wenn wir zulassen, dass die Erinnerung verblasst und die entsprechende Aufmerksamkeit nachlässt.

Auschwitz ist nicht der Holocaust. Auschwitz war mit seinen Außenlagern Arbeits-, Folter- und Vernichtungslager. In Auschwitz starben Menschen an Krankheiten, Entkräftung, Menschenversuchen oder als Strafe oder Exempel. Die, nicht arbeiten konnten, wurden getötet, die Arbeitsfähigen zunächst noch zur Zwangsarbeit gezerrt. Das Grauen soll dort greifbarer sein als überall anders, so sagt man. Ich war „nur“ in Dachau, schon da war es kaum auszuhalten. Es gab Arbeitslager, Todeslager, Folterlager und alles dazwischen. Wenn wir unsere Erinnerungskultur allerdings auf die Lager und die dort Umgebrachten fokussieren, vergessen wir all die anderen: All es die, die auf offener Straße erschossen oder totgeprügelt wurden, die in der Heimat, in den Gefängnissen der Gestapo, im sicher geglaubten Versteck, auf der Flucht, wo auch immer umgebracht wurden – schon vor der sogenannten Endlösung. Fast die Hälfte aller deutschen Juden, so schätzt man starb entweder so, oder an Hunger und Entkräftung.
Auschwitz ist auch nicht nur Symbol für den Völkermord der Juden. Auschwitz ist viel mehr: es gab die Ausrottung der Juden, aber es gab auch all die anderen sogenannten Volksschädlinge: Homosexuelle, Sinti und Roma, Kommunisten und Sozialdemokraten, auch katholische und evangelische Priester und jede Menge Menschen, die als Widerstandskämpfer in den Kellern der Gestapo oder aber auch in den Konzentrationslagern gequält, gefoltert und umgebracht wurden. Die Parole war: alles, was anders ist, muss weg. Und keiner kann sagen, er hätte nichts gewusst. Der Nachbar verschwand, die Klassenkameradin, das behinderte Kind – es gab niemanden, der nicht hätte wissen können, was passiert.

Heute haben wir Internet. Was damals vielleicht nur hinter vorgehaltener Hand in der Nachbarschaft erzählt wurde, heute erfahren wir alles. Was bis vor einigen Jahren unsagbar war, heute wird es gesagt: von Nachbarn, Arbeitskollegen, Menschen auf der Straße, am Stammtisch, vielleicht sogar im eigenen Freundeskreis oder der Familie. Und hier setzt unsere Verantwortung ein: aufklären und widersprechen, die Menschenwürde und das Lebensrecht aller Menschen verteidigen. Unser Engagement kann vielfältig sein, im kleinen Kreis oder in der großen Öffentlichkeit, Teilnahme an Gedenkfeiern und Demonstrationen, das Kreuz an der richtigen Stelle: wir alle haben Möglichkeiten. Und das ist genau die Folge, die sich für uns aus dem Erinnern ergibt: nicht weghören, nicht wegsehen, nicht schweigen, sondern auftreten. Vielleicht kriegen wir es dann noch in den Griff. Ich bin ja Christin: ich hoffe, es gelingt. Denn wenn nicht, dann Gnade uns Gott.

366 unbeschriebene Seiten oder: Gedanken zu Neujahr 2020

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt – auch das könnte die Überschrift über diesen Text sein. Am Meer habe ich ihn zwischen den Jahren ersonnen – die Realität hatte mich auch da schon eingeholt, ohne dass ich es wissen wollte.
Da war die „Umweltsau“ des WDR – ein Kommentar von mir mit der Aussage, an dem Lied wäre ja was dran, (und ich denke, da ich im Oma Alter bin, darf ich das sagen) führte zu Beschimpfungen in den Kommentaren und per PN, die so unterirdisch waren, dass ich mich frage: ist es schlimmer, das Verhalten einer imaginären Oma zu beschimpfen, als reale Menschen? Im Vergleich wäre „Umweltsau“ ein echter Kosename.
Und dann die Aufzählung, was die Omas dieser Grundschulkinder alles erlebt und geleistet haben: die heutigen Omas haben in zwei Weltkriegen ihre Kinder alleine aufgezogen, nachdem sie selbst als Kind jeden Tag 15 km durch Schnee und Eis zur Schule laufen mussten. Sie haben aus nichts Mahlzeiten gezaubert und im Anschluss an den zweiten Weltkrieg ganz Deutschland mit eigenen Händen aufgebaut und dann auch noch fürs Wirtschaftswunder gesorgt. Und nie Handys benutzt, die Kinder damals nicht mit dem SUV in die Schule gebracht und einen PC hatten sie auch nicht. Und heute leben sie noch genauso entbehrungsreich wie damals und sammeln außerdem Flaschen zum Überleben. Nun ja. Kann sich ja jeder selbst einen Reim drauf machen. Die Diskussion wäre ja eigentlich ganz amüsant gewesen, wenn sie nicht so ausgeartet wäre.
Also beschloss ich, das wegzustecken und mich ganz dem Meer und dann dem neuen Jahr zu widmen.
Noch vor dem Schlafengehen dann die Nachricht: in Krefeld ist das Affenhaus mitsamt seiner Bewohner abgebrannt (da waren nicht nur Affen drin!) – eine Institution, die ich schon als Kind kennengelernt habe, mit dem ältesten lebenden Gorilla – es war nicht mehr zu retten. Möglicherweise war der Brand verursacht durch diese Feuerballone, die in NRW verboten sind. Bei den ganzen Trauerbekundungen und Spendenaufrufen allerdings frage ich mich: auch wenn es durchaus grausam und schrecklich ist, im Mittelmeer sind wieder 45 Menschen vermisst, wahrscheinlich tot, in Griechenland vegetieren Kinder in Lagern dahin – wie setzen wir eigentlich unsere Prioritäten?

Und dann erfuhr ich, dass heute morgen der Vater einer Freundin verstorben ist, ein Mensch, der die Sommer meiner Kindheit mitgeprägt hat. Es war zu erwarten. Er ist sicher erlöst, für ihn war es besser. Dennoch: wenn einer aus der vorherigen Generation stirbt, schließt sich eine Tür zur Kindheit, und das geschieht in letzter Zeit immer öfter…

Dennoch: es liegen quasi 366 unbeschriebene Seiten eines Buch vor uns, auch wenn eine jetzt schon mehr als angefangen ist. Ein Buch, das zwar eine Fortsetzung ist, dessen Inhalt auch mit bestimmt wird von den vorherigen Büchern. Ein Buch aber, dessen Inhalt wir, wenn auch nicht völlig frei, mitbestimmen können. Ein Buch, dass von uns mitgeschrieben wird. Ein Buch, von dem ich mir vorgenommen habe, dass es viel Liebe und Respekt zu anderen Menschen enthalten soll, Menschlichkeit und Nächstenliebe, Friede und Versöhnung in der Welt und auch im privaten Bereich.
Sehen wir uns diese Seiten an: 365 sind noch völlig leer. Füllen wir sie mit Liebe – dann wird das Jahr ein gutes Jahr werden!

Weihnachten 2019

Weihnachten

Palästina, vor ca 2000 Jahren

Eine junge Schwangere

Mit ihrem Mann unterwegs zur Volkszählung

Wir haben kein Zimmer frei in der Herberge

Sie bekommt das Kind in einer Höhle, die als Stall dient

In Armut kommt das Kind zur Welt.

Syrien, irgendwann zu unserer Zeit

Eine junge Schwangere

Mit ihrem Mann lebt sie im Kriegsgebiet

Wir haben kein Zimmer frei in der Herberge

Sie bekommt das Kind in einer zerstörten Stadt

Im Bombenhagel kommt das Kind zur Welt

Irgendwo in Afrika, irgendwann zu unserer Zeit

Eine junge Schwangere

Mit ihrem Mann lebt sie auf verdorrtem Land

Wir haben kein Zimmer frei in der Herberge

Sie bekommt das Kind in tiefster Not

Auf der Flucht kommt das Kind zur Welt

Flüchtlingslager in Nordafrika, irgendwann zu unserer Zeit

Eine junge Schwangere

Versklavt und mißbraucht lebt sie dort bar jeder Hoffnung

Wir haben kein Zimmer frei in der Herberge

Sie bekommt das Kind unter schrecklichen Umständen

In Dreck und Elend kommt das Kind zur Welt

Flüchtlingslager in Europa, irgendwann zu unserer Zeit

Eine junge Schwangere

Sie lebt in einem Lager mit hoffnungsloser Überfüllung

Wir haben kein Zimmer frei in der Herberge

Sie bekommt das Kind in der Massenunterkunft

In Kälte und Nässe kommt das Kind zur Welt

Krankenhaus in Deutschland, irgendwann zu unserer Zeit

Eine junge Schwangere mit Komplikationen

Abgeschoben wird sie nach Italien

Wir haben kein Zimmer frei in der Herberge

Es gibt keinen Arzt

Das Kind kommt tot zur Welt

Gott wird Mensch

Wir wissen nicht wann

Wir wissen nicht wo

Bereiten wir Ihm einen Platz

in unserer Herberge.

Bereiten wir jedem Menschen einen Platz

in unserer Herberge.

Erkennen wir Ihn in jedem unserer Mitmenschen.

Dann wird Weihnachten

Überall auf dieser Welt

Reden und verstehen sind zwei verschiedene Paar Schuhe…

„Sucht neue Worte das Wort zu verkünden, neue Gedanken, es auszudenken“ – dieser Vers aus einem Kirchenlied geht mir seit heute morgen nicht mehr aus dem Kopf. Wir sagen immer: wir müssen reden, reden, reden – und eine Erfahrung der letzten Woche zeigt mir: wenn Menschen arglos Falschmeldungen weitererzählen kann reden durchaus helfen, nämlich dann, wenn man die Sachlage aufklären kann und die Menschen bereit sind, zuzuhören und nachzudenken.
Oft aber habe ich das Gefühl, gegen Mauern anzureden und anzuschreiben.
Vielleicht ist genau das der Punkt: wir benutzen die falschen Worte. Wir benutzen unsere Worte, und selbst wenn wir noch so empathisch sind, bleiben das unsere Worte. Und vielleicht fängt es bei den Gedanken schon an: sie laufen auch bei uns in bestimmten Bahnen, bestimmt durch Lebenserfahrung und Input, und ja, durch die Filterblase, in der wir uns sowohl virtuell als auch im realen Leben in der Regel befinden – zumindest außerhalb der Familie umgibt man sich ja nach Möglichkeit eher mit Gleichgesinnten, insbesondere in der Freizeit.
Wenn ich möchte, dass mein Gegenüber mich versteht, muss ich die Wege seiner Gedanken nachvollziehen können und seine Sprache kennen. Wenn die immergleichen Gedanken nicht zum Ziel führen, nun, dann muss man andere denken. Und wenn die immergleichen Worte nicht mehr ausreichen – vielleicht gibt es ja andere?
Menschen überzeugen kann man nicht durch gebetsmühlenartige Wiederholungen, die ja schon mühsam genug sind. Menschen überzeugen kann man nur, wenn man immer neu denkt, wenn man in Worten spricht, die der oder die andere versteht.
Ich werde versuchen, mir das in Zukunft zu Herzen zu nehmen – im virtuellen und vor allem im realen Leben.

9.November: Ein deutscher Schicksalstag

9. November. So etwas wie ein deutscher Schicksalstag. In einem Gespräch letzte Woche sagte ich, dass ich besser fände, wenn „unser“ Nationalfeiertag am 9. November wäre. Meine Gesprächspartnerin wies mich dann darauf hin, dass da nicht nur schönes geschehen wäre in der deutschen Geschichte. Ja, genau darum geht es mir ja – ein Nationalfeiertag sollte sich nicht die Rosinen aus dem Kuchen picken, denn dann verliert man die Gesamtsicht, und die zu behalten scheint mir in der heutigen Zeit immer wichtiger zu werden.

Am 9.11.1848 wurde Robert Blum standrechtlich erschossen – das war der Anfang vom Ende der Revolution 1848/49.

Der 9.11.1918 war da schon, was die Revolution angeht, positiver: an diesem Tag, dem Beginn der Novemberrevolution, wurde die erste deutsche Republik ausgerufen. Es folgte eine Reihe von teilweise bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den Verfechtern einer einer pluralistisch-parlamentarischen Demokratie und denen einer sozialistischen Räterepublik, wobei letztere unterliegen. Im August 1919 wird die Weimarer Republik konstitutiert – die erste Republik auf deutschem Boden, die zwar eine relativ kurze Halbwertzeit hatte, aber doch grundlegend war auch für unsere heutige Demokratie.

Leider war sie auch der Nährboden für die Nationalsozialisten: am 9. November 1925, genau 5 Jahre nach Ausrufung der Republik, unternimmt Hitler einen Putschversuch gegen die demokratische Reichsregierung. Der Putschversuch scheitert, 16 Menschen sterben, und Hitler wird zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt. Im Prozess inszeniert er sich als Führer der „völkischen Bewegung“ und kommt nach 9 Monaten wegen guter Führung wieder frei. 10 Jahre später wird er diesen Tag zum Gedenk- und Feiertag, an dem der „Blutzeugen der Bewegung“ gedacht wird – der einzige Grund, der mir einfällt, weshalb dieser Tag als Nationalfeiertag schwierig wäre – aber nicht unmöglich.

Dann natürlich der 9. November 1938 – die Progromnacht. Synagogen brennen, Häuser und Geschäfte jüdischer Mitbürger werden verwüstet, hunderte von Juden in diesen und den folgenden Tagen ermordert. SA- und SS-Männer auf dem Land werden, so erzählten mir meine Eltern, gerne lieber in den Nachbarorten tätig als vor der eigenen Haustür…

Ebenfalls an einem 9. November, 1967, enthüllen Studenten bei der Amtseinführung des Rektors der Uni Hamburg ein Transparent mit dem Spruch „unter den Talaren – der Muff von tausend Jahren“ – der zu einem Symbol der Studentenbewegung werden wird, der sogenannten 68er…

Und am 9. November 1969 gab es einen linksradikalen Anschlag auf ein jüdisches Gemeindehaus in Berlin – auch dieser Termin war sicher nicht zufällig gewählt.

Der 9. November 1989 – nun, da saß ich hochschwanger vor dem Fernseher und verfolgte das Geschehen in Berlin. Die Tränen liefen mir übers Gesicht und ich glaubte, das wäre der erste Schritt zum Weltfrieden…

Heute, 30 Jahre später, habe ich Angst. Angst, dass sich Geschichte wiederholt. Wenn CDU-Funktionäre laut darüber nachdenken, dass man mit den Linken nicht sprechen dürfe, mit der AfD aber sprechen müsste, weil man sonst eine große Gruppe Wähler ausschließe (nicht beachtend, dass die Linken mehrere Prozent mehr Wähler auf sich vereinigen konnten), dann liegt das nahe.
Wenn Politiker in Europa in Kauf nehmen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, wenn sie von Seenotrettern verlangen, internationales Recht zu missachten und Menschen zurück in Not und Elend zu befördern, dann gibt es da einen nationalistischen Geist, der sich auch in Sprüchen wie „Amerika first“ oder „erst mal unseren Obdachlosen helfen und das christliche Abendland vor Überfremdung abschotten“ gipfelt, einen Ungeist, der mir Angst macht.

Genau deshalb wäre für mich der 9.November der richtige Nationalfeiertag: ein Tag, an dem wir auch all der Dinge gedenken, die eben gerade nicht gut waren – all der 9.November in Deutschland, die in irgendeiner Form bis heute fortwirken.