9. November – warum kein „Feiertag“?

Ja klar, es gibt nix zu feiern. Weil die Reichsprogromnacht am 9. November stattfand – hier am Niederrhein zogen gleichzeitig Martinszüge, Kinder mit Fackeln, die die Lieder vom barmherzigen Martin sangen, während die Synagogen brannten, Geschäfte zerstört wurden, Menschen getötet und Existenzen vernichtet. Auch hier, in meinem Dorf. Zeugenaussagen nach war kein St. Töniser dabei. Aber nun, die waren wahrscheinlich in Kempen oder Willich oder anderswo: es randaliert sich deutlich besser da, wo einen niemand kennt.

Aber muss man denn „feiern“ an einem Feiertag? Kann man nicht einfach auch „gedenken“? Der 9.November ist auch ansonsten ein für Deutschland wichtiges Datum, und alle Ereignisse liegen im letzten Jahrhundert:
9. November 1918: Novemberrevolution
9. November 1923: Hitler-Ludendorff-Putsch
9. November 1938: Novemberpogrom
9. November 1989: Mauerfall

Also ein Tag, an dem Ereignisse stattfanden, ohne die wir heute nicht das Deutschland wären, das wir sind. Ein vereinigtes, demokratisches, rechtsstaatliches Land, etwas, was nicht mehr normal scheint in dieser Welt.

Und genau das ist bedroht: durch Menschen, die wieder sortieren, nicht unbedingt in lebenswert und lebensunwert, aber in „hat hier nix zu suchen“, „ist nicht mehr zu unterstützen“, „gehört einem Volk an, die nur herkommen, um uns umzuvolken oder abzustechen“, „sollte nicht in der Öffentlichkeit sichtbar sein“ und ähnliches, wir kennen das. Das Muster ist das gleiche. „Remigration“, das neue Zauberwort, bedeutet in vielen Fällen nichts anders als „Zurückschicken in den möglichen Tod, (sexuelle) Ausbeutung, Unterdrückung, Folter, Knast“. Man macht die Drecksarbeit (noch) nicht selbst, aber geschehen wird sie.

Wer sind wir eigentlich, dass wir meinen, wir könnten beurteilen, wer ein Recht auf gutes Leben hat und wer bestenfalls „Pech gehabt“? Augen auf bei der Wahl der Eltern, des Geburtsortes?

Wir erkennen die alten Muster: Hass und Hetze, viel Lügerei, nur diesmal schneller verbreitet durch die neuen Medien. Verunglimpfung derer, die noch die Menschlichkeit hochhalten. Auch durch die aktuelle Regierung („Gutmenschen, linke Spinner“). Anfang des Jahres hat der Kanzler gesagt, dass er nicht Kanzler der Spinner würde, die auf den Demos waren – das aber sind genau die Menschen, die nicht nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind, sondern ein gleiches (Lebens-)Recht für alle fordern. Noch funktioniert der Rechtsstaat. Schauen wir in die USA, dann sehen wir, wie schnell das enden kann.

Aber: Wir haben mehr Möglichkeiten als die Menschen am Anfang des vorigen Jahrhunderts. Wir haben demokratische und rechtsstaatliche Möglichkeiten, gegen den Wahnsinn vorzugehen.

Ziehen wir uns nicht ins Private zurück. Gehen wir auf die Straße, widersprechen wir offenem Hass und Fake-News, lassen wir uns nicht einschüchtern: wir sind viele, und wenn wir uns zeigen, dann trauen sich immer mehr, dazuzustoßen. Wir können die Geschichte beeinflussen. Wenn wir uns zusammentun.

Und machen wir den 9.November zum Feiertag: viel wichtiger als der 3. Oktober. Denn wenn wir unsere Geschichte vergessen ist das der Anfang vom Ende.

Weltfriedenstag 2022

heute ist der internationale Tag des Friedens, der Weltfriedenstag. Am heutigen Tag gibt es in der Welt 6 Kriege und kriegerische Konflikte mit bereits mehr als 10 000 Todesopfern, unter anderem in Afghanistan mit bisher ca 2 Millionen Toten, Myanmar mit 160 000, Äthiopien mit geschätzt bis zu einer halben Million und natürlich die Ukraine, da waren es bis Juli knapp 40 000.
14 weitere werden mit mindestens 1000 Opfern gelistet, darunter der Krieg in Syrien, der Kampf der Türkei gegen die Kurden und vieles mehr. Auch unter Beteiligung der USA, der Türkei, Russlands. Die „kleineren“ Konflikte, ungezählt, der Terror von nichtstaatlichen Organisationen z.B.

Weltfriedenstag. Besonders präsent ist uns natürlich der Ukrainekrieg, alle anderen geraten dagegen etwas in Vergessenheit: lediglich Afghanistan mag uns noch etwas näher im Gedächtnis sein, darauf richtete sich der Fokus ja im letzten Jahr. Aber überall in der Welt müssen Menschen um ihr Leben fürchten, verlieren Haus und Hof weil irgendwelche Gruppierungen und Regierungen meinen, ein Recht zu haben, Dinge gewaltsam zu regeln, sei es die vorherrschenden Regeln der Religion, sei es die Regierungsform, sei es einfach die Frage wem was gehört und wem nichts. Ganz oft spielt es eine Rolle, ob man einer Minderheit angehört, der quasi das Lebensrecht abgesprochen wird.

Heute ist Weltfriedenstag. Es gibt wohl nur wenige Menschen, die von Kriegen wirklich profitieren, und (hoffentlich) noch weniger, die aktiv Kriege herbeiwünschen oder gar vom Zaun brechen. Es gibt aber viele Menschen, die glauben, die Kriege in der Welt gingen sie nix an. Und da, wo diese Kriege Auswirkungen auf ihr Leben hat, da müsste man halt deutlich machen, dass einen dieser Krieg und die Opfer nicht interessieren. Wieder andere schlagen genau daraus Kapital, verdrehen Wahrheiten, schüren Ängste, sorgen für schlechte und aufgeheizte Stimmung.

Heute ist Weltfriedenstag. Wie kann man Frieden schaffen? Darf man Waffen liefern oder nicht? Darf man in Kriege eingreifen oder hält man sich raus? Muss die Ukraine für warme Wohnzimmer geopfert werden? Lieber rot als tot? Ist unsere Wirtschaft wichtiger als die Freiheit der Ukrainer? Oder die der Afghanen, Libyer oder was auch immer? Wichtiger als die Flüchtlinge, die versuchen, uns durch Wüsten und über das Meer zu erreichen? Ist Frieren für den Frieden ein machbares Konzept? Und ergibt es wirklich Sinn, Freitag für Freitag auf dem Rathausplatz für den Frieden zu Schweigen?

Vieles können wir, die wir nicht in irgendwelchen Regierungen, Aufsichtsräten oder Managerbüros sitzen, gar nicht beeinflussen. Aber wir können, da, wo wir stehen, durchaus für Frieden sorgen. Wir können solidarisch sein mit Kriegsopfern und mit denen, die in unserem Land unter der Krise leiden.
Wir können auf die Ungerechtigkeit der Hilfen schimpfen („Ich brauche das Geld nicht“ höre ich durchaus öfter) oder wir können es nehmen und denen geben, die es brauchen. Wir können in die Hass- und Angstspirale einsteigen oder gucken, was wir tun können, Strom und Gas zu sparen, Notstände abzufedern. Wir können wütende Reden halten oder nach versöhnlichen Argumenten und Fakten suchen. Wir können uns gegenseitig Beleidigungen an den Kopf schmeißen oder nach Wegen suchen, gemeinsam weiter zu kommen, Kompromisse zu finden, Lösungen, mit denen alle oder zumindest viele leben können.

Wir können das unsrige dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft friedlich durch den Herbst und den Winter kommt. Wer glaubt, kann beten: mir hilft das auf der Suche nach Lösungen.

Weltfriedenstag. Auch ich kenne ihn nicht, den goldenen Weg zum Frieden in der Welt. Aber ich werde anfangen, ihn zu gehen.

Wie gehen wir miteinander um?

Bischof Oster sorgt sich um die Debattenkultur. Weil niemand kapiert, dass das Lehramt das letzte Wort hat. Das habe ich gerade gelesen und ich habe gedacht: ja, Sorge um unsere Debattenkultur habe ich auch. Allerdings deutlich andere als dieser Passauer Bischof.

Wie viele wissen, bin ich ja Mitglied bei #ichbinhier, einer Gruppierung, die versucht, Hass und Hetze aus den Kommentaren im Internet zu vertreiben. Es sind Menschen aller – na ja, fast aller – politischen Hintergründe, Extremisten mal ausgenommen – und es geht nicht darum, politische Meinungen zu verbreiten, sondern eine bessere Debattenkultur im Internet.

Durch meinen Einsatz für dieses Thema bin ich es gewohnt, beschimpft zu werden – wer keine Argumente hat, der muss ja irgendwie klarkommen – es macht mir in der Regel nicht mehr viel aus. Aber seit einem Jahr merke ich eine Veränderung: die Debatten, egal, worum es geht, werden immer holzschnittartiger, es gibt nur noch schwarz und weiß. Wer differenzierte Meinungen zu bestimmten Themen hat, der wird halt von beiden Seiten beschimpft: weist man darauf hin, dass Kinder unter den Schulschließungen leiden, ist man Querdenker, verteidigt man AHA-Regeln ist man Schlafschaf – und das passiert mir immer häufiger. Wer differenziert schreibt gehört auf jeden Fall zu den Gegnern und wird beschimpft, so oder so.

Wenn ich im Kommunionunterricht mit den Kindern über den Friedensgruß sprach, habe ich immer erklärt, dass man sich dabei in die Augen sehen muss, wenn der Friede überspringen soll – jetzt, wo man sich die Hand nicht mehr geben kann, gilt das noch mehr. Und das kommt mir bei der ganzen Diskussion in den Sinn: wenn wir kommentieren, schreiben wir dann etwas, was wir auch so sagen würden, wenn wir der oder dem anderen dabei in die Augen schauen müssten? Ist das ein reines Internetproblem oder spielt sich das auch im realen Leben ab? Was geht da in uns vor?

Wenn wir der oder dem anderen in die Augen schauen und genau zuhören, so scheint mir, wird das Gespräch in der Regel sachlicher. Weil man den oder die andere wahrnimmt und das, was sie oder er sagt. Im realen Leben kann man das ausprobieren. Fürs Internet bleibt, es sich vorzustellen. Vielleicht hilft das, genauer zu lesen, was der oder die andere meint und Zwischentöne zu erkennen. Debatte heißt: zuhören und antworten auf das, was mein Gegenüber sagt. Und nicht: Ende der Debatte, Holzhammer, nur ich hab recht und Du bist doof.

Ich würde mir wünschen, dass wieder hinkriegen. Weil ich sonst Angst habe vor dem, was bleibt, wenn dieser ganze Mist vorbei ist.

Denkt mal drüber nach und bleibt gesund – und debattiert ruhig mit mir 😉